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Lehrende am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“: zum Beispiel Trude Richter, Gerhard Rothbauer, Georg Maurer

Autorin: Birgit Dahlke

Eigensinn und soziale Alltagspraxis schlugen sich nur bedingt in Dokumenten nieder. Einer Literaturgeschichtsschreibung, die sich vorrangig auf administrative Papiere (also ideologische Einflussversuche und Zielvorstellungen) als Quellen stützt, muss diese Parallelität und Komplexität der DDR-Alltagsgeschichte entgehen. Offizielle Verlautbarungen und praktizierter Lehrbetrieb sind nicht deckungsgleich. Was die Studierenden am Literaturinstitut erlebten, war in starkem Maße abhängig von der Persönlichkeit ihrer Dozent*innen. Deren Ausstrahlung prägte den am Institut herrschenden Geist, wenn auch das Ministerium für Kultur auf den Lehrplan Einfluss zu nehmen versuchte und sich zeitweise Seminarunterlagen und Abschlussarbeiten vorlegen ließ. In Zeitzeugeninterviews kommen Absolvent*innen immer wieder wertschätzend auf Georg Maurer, Gerhard Rothbauer, Trude Richter, Peter Gosse, Hubert Witt oder Ralf Schröder zu sprechen.[1]Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der … Continue reading

Wenn der 1910 geborene Josef Wächtler, Direktstudent von 1961 bis 1964, an Trude Richter hervorhebt, dass sie ihm die Liebe zur russischen Literatur vermittelt habe,[2]„Ich habe diese Frau verehrt, nein – nicht nur verehrt, ich habe sie geliebt, obschon ich glaube, daß sie das nie wahrgenommen haben mag. Und dies, obgleich sie mir mit ihrer Dozentenstrenge … Continue reading so bildet das (offiziell nur umschriebene) Wissen um deren Gulag-Haft den Hintergrund dieser Verehrung. Die habilitierte Germanistin und antifaschistische Widerstandskämpferin Erna Barnick (so ihr eigentlicher Name) war 1932 erste Sekretärin des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller gewesen, 1934 ihrem Lebensgefährten Hans Günther ins Moskauer Exil gefolgt und 1937 bis 1946 an der Kolyma und erneut 1949 bis 1953 im Gulag bei Magadan interniert gewesen. Erst auf Intervention von Anna Seghers konnte sie 1957 im Alter von 58 Jahren nach insgesamt 19 Jahren stalinistischer Haft und Verbannung nach Deutschland zurückkehren. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in der DDR begann sie am Literaturinstitut zu unterrichten, bis 1966 gehörte sie zum Lehrkörper. Den Namen Trude Richter hatte sie sich nach ihrem Eintritt in die KPD 1931 aus Gründen der Konspiration zugelegt.

Trude Richter 1985. Fotografie von Klaus Morgenstern. Quelle: Deutsche Fotothek.

Der 1972 erschienene erste Teil ihrer Autobiografie „Die Plakette“ musste, nicht zuletzt auf Anweisung des ZK der SED, die Lagerhaft noch aussparen. 1983 hatte Elisabeth Schulz-Semrau in der Frauenzeitschrift „Für Dich“ in ihrem Porträt der 84-Jährigen eine Szene von 1981 beschrieben, die Eingeweihte auf einen Durchbruch im öffentlichen Umgang mit dem Tabuthema Stalinismus hoffen ließ: Trude Richter legt im Literaturinstitut ihrem ehemaligen Schüler und jetzigen Direktor einen Gutschein für ein Buch auf den Geburtstagstisch, für das sie 25 Jahre gekämpft hatte: „Der Herren eigner Geist“ von Hans Günther.[3]Der marxistische Wirtschaftswissenschaftler Günther hatte unter diesem Titel 1934 eine Analyse des Faschismus verfasst. Elisabeth Schulz-Semrau: „Sie sind vergüteter Stahl“, in: Für Dich 4 … Continue reading Ihr Lebensgefährte war schon 1938 im Durchgangslager in Wladiwostok umgekommen. 1988 war ein Auszug aus Trude Richters Erinnerungen an ihre Lagerhaft in der Zeitschrift „Sinn und Form“ zu lesen,[4]Trude Richter: Station Kilometer Sieben, in: Sinn und Form 3 (1988), S. 498–528. die vollständige Fassung ihrer Autobiografie erschien erst posthum 1990 unter dem Titel „Totgesagt. Erinnerungen“.

Bei Gerhard Rothbauer habe sie etwas gelernt, das in keinem Curriculum steht: Widerständigkeit – selbstständig zu urteilen und zum eigenen Urteil zu stehen, äußerte die Autorin Kerstin Hensel 2020 im Interview.[5]Kerstin Hensel während ihres Besuchs in unserem Seminar am 7.1.2020. Wir danken der Autorin für detaillierte Informationen und Daria Kolesova für die Audio-Dokumentation des Gesprächs. In Hensels … Continue reading Hensel erinnerte sich an die Seminar-Aufgabe, eine Selbstkritik des eigenen Texts (!) zu verfassen.

Wie messerscharf Rothbauer mit seinen Studierenden an deren Texten arbeitete, zeigt ein Aufsatz von 1975, in dem es um die Schwierigkeit geht, sich der Geschichte des Nationalsozialismus auf der Höhe „literarischer Formkunst“ zu nähern. Ausgehend von der über sechs Zeilen reichenden Prosasequenz „Unbegrabbar“ von Günter Kunert entwickelt er Kriterien poetischer Verdichtung im Umgang mit dem Thema. Dem stellt er Textpassagen „junger Autoren“ (seines Seminars) zur Seite, in deren Arbeiten er, ausgiebig zitierend, eine unangemessene Privatisierung des Grauens dieser Zeit erkennt. Am stilistischen Detail führt er vor Augen, was deren ästhetisierende Umschreibung von der sprachlichen Pointierung Kunerts unterscheidet und zu einem „leeren Bekenntnis“ geraten lässt. Johannes Bobrowskis Gedicht „Kaunas“ und dessen Erzählung „Mäusefest“ dienen als ein weiteres Modell gelingender literarischer Strategien. Rothbauer analysiert den Effekt fugenlos aneinandergereihter Sätze, der „kunstvoll nonchalanten Aufbereitung der Umgangssprache“ oder der syntaktischen Überdehnung. Inhalt und Form werden zueinander in eine Beziehung gesetzt, sowohl in der gelingenden als auch in der scheiternden Variante. Was als Aufgabe des Schriftstellers der Gegenwart bleibt, ist Arbeit am Text.[6]Gerhard Rothbauer: Der Zwölfte im Peloton, in: Tauchnitzstraße – Twerskoi Boulevard. Beiträge aus zwei Literaturinstituten. Hg. von Max Walter Schulz; Wladimir Pimenow. Halle 1975, S. 187–207.

Als die bedeutendste Lehrer-Persönlichkeit der Institutsgeschichte wird immer wieder Georg Maurer genannt. Der 1907 in Siebenbürgen geborene Dichter und „Lyrik-Professor“ gehörte zu den Lehrenden der ersten Stunde, seine von 1955 bis 1970 stattfindenden Lyrikseminare wurden noch Jahrzehnte später als Sternstunden bezeichnet. Maurer hatte bis 1933 Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert und zählte zu den Dozenten, die auch als Autoren ausgewiesen waren, nämlich als Lyriker, Essayist und Übersetzer aus dem Rumänischen. Seine Biografie war durchaus nicht bruchlos, der Nachkomme Siebenbürger Sachsen hatte mit dem nationalistischen Element der Nationalsozialisten sympathisiert und sich 1940 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. 1944 geriet er (als Dolmetscher der Wehrmacht in Bukarest arbeitend) in rumänische, später russische Kriegsgefangenschaft und wurde zur Zwangsarbeit in einem Bergwerk im Donezbecken verpflichtet. 1945 durfte er nach Deutschland zurückkehren.

Dass ein Dichter, noch dazu ohne abgeschlossenes Fachstudium und ohne pädagogische Ausbildung, zum Lyrikdozenten werden konnte, war auch in der Gründungsphase des Literaturinstituts etwas Besonderes. Maurer setzte die Gedichte seiner Studierenden ins Verhältnis zu großer Dichtung der Moderne. In seinen Seminaren wurden Essays und Gedichte von Éluard, Majakowski, Eliot, Heym, Pound, Trakl, Nezval, Brecht, Neruda, Rimbaud und Baudelaire ebenso gelesen wie Oden Pindars oder Hymnen Hölderlins. An unterschiedlichen Gegenständen ließ er grundlegende ästhetische Fragen der Beziehung von Inhalt und Form diskutieren. Auch die gesamte deutsche Dichtung der Gegenwart machte er zum Gegenstand der Analyse, indem etwa Anthologien aus Ost- und Westdeutschland verglichen wurden. „Es waren immer Unterhaltungen, und das war sehr angenehm. Zugleich gab er einem Orientierung, indem er auf Huchel hinwies, auf Arendt und Fühmann. Er hatte so eine Rangordnung erstellt für die Lyrik der DDR, die einem einen Maßstab an die Hand gab. Das war schon sehr überzeugend.“[7]Adolf Endler: Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert. Göttingen 2010, S. 146. Wenn so aus Geschichte und Gegenwart der Lyrik ein Maßstab gewonnen worden war, folgten Schreibübungen nach unterschiedlichen Vorgaben:

„1. Bei gegebenem Inhalt soll der Schüler die Form selber wählen
2. Bei gegebener Form soll er den Inhalt selber wählen
3. Form und Inhalt werden ihm aufgegeben“.[8]Georg Maurer: Kurze Notiz zum Lyrik-Seminar 1956/57. Brief an das IfL vom 1.9.1956. Georg-Maurer-Archiv, Leipziger Städtische Bibliotheken, Bibliothek Plagwitz, Blatt 7. Zitiert nach Isabelle Lehn; … Continue reading

Ein weiterer bedeutender Bestandteil seiner Seminare war die Analyse von Gedichten jeweils eines Seminarteilnehmers. Er umstellte, so formulierte es sein Student Helmut Richter, die Gedichte der Seminarteilnehmer*innen mit Beispielen aus der Weltliteratur „wie mit großen Spiegeln“.[9]Helmut Richter: Der Lehrer Georg Maurer, in: Dichtung ist die Welt. Selbstaussagen und Versuche zum Werk Georg Maurers. Hg. von Gerhard Wolf. Halle 1973, S. 202–205, hier: S. 204. Leidenschaftlichkeit, Integrität und Loyalität sind Eigenschaften, welche dem Lyrikprofessor[10]Dem parteilosen Dozenten wurde 1961 vom Minister für Kultur Hans Bentzien der Professorentitel verliehen. Nach Auskunft Ingrid Sonntags (15.11.2020) wurde der Arbeitsvertrag des Honorarprofessors … Continue reading von seinen Schüler*innen immer wieder zugeschrieben wurden.

Maurer beeinflusste so prominente Dichter*innen wie Heinz Czechowski, Sarah und Rainer Kirsch, Helga M. Novak und Andreas Reimann – als Mentor, weniger mit seiner eigenen Lyrik. Adolf Endler, Volker Braun, Karl Mickel und Bernd Jentzsch standen in persönlichem Kontakt mit ihm, hatten (auch im Kontext der sogenannten DDR-Lyrikwelle) als Gasthörer an seinen Seminaren teilgenommen und waren mehrfach bei Georg Mauer zuhause zu Gast.[11]Vgl. Bleib ich, was ich bin? Teufelswort Gotteswort. Zum Werk des Dichters Georg Maurer. Hg. von Gerhard Wolf. Berlin 1998.

Nachdem im Kontext des 11. Plenums des ZK der SED die von ihm gerade erst ans Institut geholten Dichter*innen Novak und Reimann 1966 von der Leitung des Literaturinstituts exmatrikuliert worden waren und nachdem der theoretische Teil der von ihm (und Werner Bräunig) als sehr gut bewerteten Abschlussarbeit Rainer Kirschs aus politischen Gründen von der Institutsleitung in eine Fünf umgemünzt wurde,[12]Der Grund dafür war, dass der Aufsatz (ungenehmigt) unmittelbar nach dem Plenum in der Schweiz erschien, so Rainer Kirsch im Interview mit Katja Stopka, Sascha Macht und Isabelle Lehn vom 22.8.2013. … Continue reading zog sich Maurer zurück. Bis zu seinem Tode 1971 unterrichtete er nur noch ab und an, unterbrochen von längeren Episoden schwerer Krankheit.

References

References
1 Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der Slawist Ralf Schröder unterrichtete als Gastdozent sowjetische Literatur. Er war von 1957 bis 1964 als politischer Häftling in Bautzen gewesen.
2 „Ich habe diese Frau verehrt, nein – nicht nur verehrt, ich habe sie geliebt, obschon ich glaube, daß sie das nie wahrgenommen haben mag. Und dies, obgleich sie mir mit ihrer Dozentenstrenge mehr als einmal hart zugesetzt hat, obgleich ich seinerzeit der weitaus älteste ihrer Studenten und nur zehn Jahre jünger als sie selbst gewesen bin. Das Schlimmste was sie mir angetan war, daß sie mich einmal einen ‚politischen Wirrkopf‘ genannt hat, worüber ich lange Zeit nicht hinwegzukommen vermochte. […] Ich verdanke der Genossin Dr. Trude Richter mein gesamtes Wissen um die progressive russische Literatur und deren Einfluß auf die revolutionäre Bewegung im zaristischen Rußland.“ Josef Wächtler, Brief an die Redaktion der Zeitschrift „Für Dich“ auf den oben erwähnten Artikel Elisabeth Schulz-Semraus über Trude Richter vom 30.11.1983 (von der Redaktion an Trude Richter weitergeleitet). Archiv der Akademie der Künste Berlin, Trude-Richter-Archiv, Nr. 129. Ich danke Thomas Möbius für den Hinweis.
3 Der marxistische Wirtschaftswissenschaftler Günther hatte unter diesem Titel 1934 eine Analyse des Faschismus verfasst. Elisabeth Schulz-Semrau: „Sie sind vergüteter Stahl“, in: Für Dich 4 (1983), S. 26–29. Schulz-Semrau (seit Anfang der 1970er mit Max Walter Schulz verheiratet) hatte von 1967 bis 1970 selbst am Institut für Literatur studiert und 1972 dort auch zu lehren begonnen.
4 Trude Richter: Station Kilometer Sieben, in: Sinn und Form 3 (1988), S. 498–528.
5 Kerstin Hensel während ihres Besuchs in unserem Seminar am 7.1.2020. Wir danken der Autorin für detaillierte Informationen und Daria Kolesova für die Audio-Dokumentation des Gesprächs. In Hensels Vorlass befindet sich ein langjähriger Briefwechsel mit Rothbauer. Akademie der Künste, Berlin. Kerstin-Hensel-Archiv, Signatur 83 und 106.
6 Gerhard Rothbauer: Der Zwölfte im Peloton, in: Tauchnitzstraße – Twerskoi Boulevard. Beiträge aus zwei Literaturinstituten. Hg. von Max Walter Schulz; Wladimir Pimenow. Halle 1975, S. 187–207.
7 Adolf Endler: Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert. Göttingen 2010, S. 146.
8 Georg Maurer: Kurze Notiz zum Lyrik-Seminar 1956/57. Brief an das IfL vom 1.9.1956. Georg-Maurer-Archiv, Leipziger Städtische Bibliotheken, Bibliothek Plagwitz, Blatt 7. Zitiert nach Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, S. 292.
9 Helmut Richter: Der Lehrer Georg Maurer, in: Dichtung ist die Welt. Selbstaussagen und Versuche zum Werk Georg Maurers. Hg. von Gerhard Wolf. Halle 1973, S. 202–205, hier: S. 204.
10 Dem parteilosen Dozenten wurde 1961 vom Minister für Kultur Hans Bentzien der Professorentitel verliehen. Nach Auskunft Ingrid Sonntags (15.11.2020) wurde der Arbeitsvertrag des Honorarprofessors jeweils semesterweise verlängert.
11 Vgl. Bleib ich, was ich bin? Teufelswort Gotteswort. Zum Werk des Dichters Georg Maurer. Hg. von Gerhard Wolf. Berlin 1998.
12 Der Grund dafür war, dass der Aufsatz (ungenehmigt) unmittelbar nach dem Plenum in der Schweiz erschien, so Rainer Kirsch im Interview mit Katja Stopka, Sascha Macht und Isabelle Lehn vom 22.8.2013. Mit einer Fünf in einem der beiden Teile hatte Kirsch die Abschlussprüfung nicht bestanden, sodass er das Institut ohne Diplom verließ. Ich danke Katja Stopka für die Möglichkeit, die Transkription des Interviews zu lesen.